Musikclubs 2026
4. Mai 2026, 18:30 Uhr, Dr. Sabine Lichtenstein über "Genoveva – Gedanken über Oper, Schumanns Sittengemälde und Wagners Mythen".
Kammermusiksaal der Städtischen Musikschule Chemnitz
Bestens vorbereitet sprach die niederländische Musikwissenschaftlerin in der Stadt der Robert-Schumann-Philharmonie über die einzige, kaum bekannte Oper des in Zwickau aufgewachsenen Komponisten, der mit seiner Genoveva allerdings von Anfang an wenig Erfolg hatte. Schon die Leipziger Uraufführung unter Leitung von Schumann selbst sowie die Weimarer Aufführung mit Franz Liszt als Dirigent fand damals zahlreiche kritische Pressestimmen. Und bis in die Gegenwart ist das Werk vor allem halbszenisch oder konzertant zu erleben.

Foto: Esther Winkler
Mit treffenden Zitaten, illustrierender Power-Point-Präsentation und selbstverständlich markanten Klangbeispielen wurde für den Zuhörerkreis deutlich, dass das Libretto dieser Oper nicht den notwendigen Voraussetzungen gerade in der Personencharakteristik entspricht. Das verdeutlichte Dr. Lichtenstein beispielsweise durch Zitate aus Friedrich Nietzsches berühmtem Buch „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ und betonte demgegenüber die genialen Lösungen in den Musiktheaterwerken von Richard Wagner. Da dessen Lohengrin wie Genoveva gleichfalls 1850 zu Uraufführung gelangte, lag dieser aufschlussreiche Vergleich nahe, der den großen Lyriker mit seiner Kammermusik, seinen Liedern und seinen Symphonien dem bedeutenden Dramatiker gegenüberstellte. Spannenderweise ging die Referentin auch auf die direkten Begegnungen der beiden Komponisten und ihren Gattinnen ein, sei es in Briefform oder auch durch den persönlichen Kontakt im von den gesellschaftlichen Ereignissen 1848/49 besonders geprägten Dresden. Außerdem hob Sabine Lichtenstein zahlreiche musikalische Details der beiden deutschen Opernkomponisten hervor, die gerade den italienischen Bühnenwerken charakteristisch Eigenes entgegen zu setzen beabsichtigten und in Wagners Musikdramen zu größter Kraftentfaltung führten. – Stark beeindruckt von diesen Aussagen bedankten sich die Besucherinnen und Besucher zum Schluss mit viel Beifall. (CS)
13. April 2026: Thomas Stöß über „Geistliche Musik und Glaube im 20./21. Jahrhundert – Kontinuität oder zerrissenes Band“.
Welche Bedeutung hat geistliche Musik in einer säkularisierten Gesellschaft?
Kammermusiksaal der Musikschule Chemnitz
Tief ergreifende Ausführungen mit Klangbeispielen und Bilddokumenten bot Thomas Stöß zum Abschluss einer Serie von Musikclubs, in der herausragende Komponisten „Ernster Musik“ aus Chemnitz und Umgebung vorgestellt wurden. Der Referent studierte von 1991 bis 1998 an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar die Fächer Komposition, Klavier und Dirigieren. Seitdem arbeitet er als Lehrer für Klavier, Komposition und Korrepetition an der Städtischen Musikschule Chemnitz und ist zugleich seit mehr als 25 Jahren als freischaffender Komponist tätig.
Regelmäßig erhält er Kompositionsaufträge im Zusammenwirken mit namhaften Solisten und Ensembles, in jüngerer Zeit unter anderem mit den Pianisten Moritz Ernst und Kolja Lessing, dem ensemble 01, ensemble diX, Klaviertrio Würzburg, Bärmann-Trio, Duo Baumbach und Trio BlattArt, dem Mendelssohn Kammerorchester Leipzig, Collegium Instrumentale Chemnitz, der Sinfonietta Dresden und dem A-cappella-Kammerchor Freiberg. Einige Werke wurden vom Rundfunk mitgeschnitten und auf CD aufgenommen. Neben Solo- und Kammermusik schrieb Thomas Stöß ein Klavierkonzert, eine sinfonische Dichtung für großes Orchester („Europa“), ein Concertino für Streichorchester, Schlaginstrumente und Klavier, ein Werk für Kammerensemble („Ecce Homo“) zu einem Bild von Michael Morgner, 5 Miniaturen für Bariton und Streichorchester zu Gedichten aus „West Östlicher Divan“ von Johann Wolfgang Goethe sowie eine große lateinische Messe für Soli, Chor und Streichorchester („Missa Misericordiae“). Am 12. Juni 2026 kommt innerhalb des Leipziger Bach-Festes seine Komposition "Domine, Dominus noster ... Psalm 8 aus dem Buch der Psalmen für gemischten Chor (4-8 Stimmen)" mit dem Ensemble vocal modern unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. h.c. Christfried Brödel zur Uraufführung.

Foto: Andreas Winkler
Da der Komponist in einem Musikclub 2022 gemeinsam mit seiner Familie bereits eigene Werke vorgestellt hatte, entschloss er sich diesmal, gewissermaßen das Credo seines künstlerischen Schaffens mitzuteilen anhand einer Reise durch die geistliche Musik des europäischen Kontinents mit Schwerpunkt von 1945 bis in die Gegenwart. Zu Beginn allerdings führte er den wiederum erfreulich großen Zuhörerkreis – mit Hilfe unserer sicheren Technikerin Katharina Kunze – nach Rom, in die Sixtinische Kapelle. Hier wies er mit einem Bildausschnitt auf Michelangelos Deckengemälde „Erschaffung Adams durch den Zeigefinger Gottes“. Dazu zitierte er aus einem bemerkenswerten Brief „An die Künstler“, geschrieben von Papst Johannes Paul II. 1999. Darin heißt es: „Beim Gestalten eines Werkes bringt der Künstler in der Tat sich selber soweit zum Ausdruck, daß seine Schöpfung einen einzigartigen Widerschein seines Seins, dessen also, was er ist und wie er ist, darstellt. (…) Kunstwerke sprechen von ihren Urhebern, machen uns mit deren Innerstem bekannt.“
Und genau diese Grundhaltung hob Thomas Stöß nun bei zumeist weltbekannten Komponisten hervor durch besondere Auszüge aus deren Biografien und jeweils einem faszinierend nahen Klangbeispiel. In Igor Strawinskys „Psalmen-Symphonie“ für gemischten Chor und Orchester verwies der Vortragende nicht nur auf die große Farbigkeit der Instrumentation, sondern eben auch auf die damit verbundene Gebetserhörung in Rückbesinnung auf den I. Weltkrieg. Anschließend hörten wir einen Ausschnitt aus der berühmten Trauermotette „Wie liegt die Stadt so wüst“ (1945) vom Dresdner Kreuzkantor Rudolf Mauersberger, der die Zerstörung der Stadt überlebte und in der ersten Vesper nach dem Krieg in der ausgebrannten Kreuzkirche mit dem Rest seines verbliebenen Chors zur Uraufführung brachte. Viel indirekt auch über den Referenten aussagend, kamen ähnliche Schicksalsschläge mit Bezug zur transzendenten Ebene zudem zum Vorschein anhand von Benjamin Brittens dunklem "War Requiem" und Francis Poulencs hellem "Gloria" sowie im Leben und Werk von György Ligeti, Arvo Pärt, Alfred Schnittke, Sofia Gubaidulina, Peteris Vasks und John Tavener. – Lang anhaltender Beifall am Schluss würdigte diese aufschlussreichen Ausführungen. [Text: Christ. Sramek]
„Hauptsache Musik“, im April 2026
Philharmonischer Talk über Menschen, Musik und mehr am 12. April 2026 im Rangfoyer des Chemnitzer Opernhauses mit den beiden Solokontrabassisten Leopold Rucker und Holger Schultchen aus dem Kollegenkreis der Robert-Schumann-Philharmonie, moderiert von Konzertmeisterin Heidrun Sandmann-Poscharsky.
Auffallend heiter, schmunzelnd, kam die Moderatorin zum bis auf den letzten Platz besetzten Hörerkreis. Mit wenigen Worten deutete sie an, dass ihr die Vorbereitung zur Veranstaltung mit den beiden eingeladenen Musikern diesmal besonders leicht gefallen sei, weil sie mit einem Kontrabassisten verheiratet ist. Dieser köstliche Einstieg setzte sich unmittelbar fort mit dem ersten Musikstück, einem mitreißenden Rondo von Luigi Boccherini, das bereits mit starkem Beifall bedacht wurde, wie folgend nach jedem Teil des Gesprächs mit Musik, bis zu Bravo-Rufen am Ende. Merkwürdig erschien allerdings am Anfang, dass der gerade erst sein Probejahr abgeschlossene junge Leopold Rucker während des Spiels auf einem Hocker saß, der rund 30 Jahre ältere Holger Schultchen hingegen stets im Stehen agierte. Bald klärte sich jedoch auf, dass zwar beide Musiker aus Dresden stammen und hier ihre erste Ausbildung erfuhren, aber gerade während des Hochschulstudiums (jüngst in Düsseldorf und Berlin bzw. einst in Dresden) bis hin zur französischen und deutschen Bogenhaltung ganz unterschiedliche Erfahrungen machten. Dass sich Beide aber nicht nur auf musikalischem Gebiet hervorragend verstehen, verdeutlichten sowohl die Gespräche, als auch die weiteren Stücke von Telemann, Walker, Anderson, Thomason und Hérold. Dabei überraschte, welch herrlich empfindsame, auch in hohen Lagen wundervoll melodische Klänge hervorzuzaubern sind - neben allem rhythmischen Schwung, der kraftvollen Imitation bestimmter Themen sowie den wechselnden Passagen zwischen liedartigen Momenten und dazu gehöriger Begleitung.
An einer Stelle jedoch drohte der Vortrag ins Stocken zu geraten: Ein dritter Mitspieler wurde gesucht, angeblich ginge es um Geräusche wie eben bei neuer Musik. Da schien zuerst guter Rat teuer. Doch dann meldete sich „rein zufällig“ ein weiterer Kontrabassist aus dem Orchester, der unter den Besuchern Platz genommen hatte. Plötzlich stellte sich heraus, dass in einer Ecke sogar zusätzlich eines der großen Instrumente stand und dadurch der herrliche Gesamteindruck noch gesteigert werden konnte. Auf Nachfrage am Schluss war zu erfahren, dass der „Retter“ Michael Poscharsky heißt und der anfangs genannte Gatte der Konzertmeisterin ist! Welch phantastische Idee, die schon vorausblicken lässt auf die nächste derartige Veranstaltung im Herbst, die Mitglieder der Robert-Schumann-Philharmonie ganz aus der Nähe erleben lässt bis zu von ihnen selbst gebackenem Kuchen mit Kaffee direkt vor Beginn. (Text und Foto: CS)

Michael Poscharsky, Leopold Rucker, Heidrun Sandmann-Poscharsky (im Hintergrund), Holger Schultchen (v.l.n.r.)
"Werner Richter - Komponieren als pädagogische Idee"
Referent Danny Leuschner stellte den Chemnitzer Komponisten und Musikpädagogen
mit selbst gespielten Werken vor,
am 2. März 2026 in der Städtischen Musikschule Chemnitz.
Zu den weit über ihre Heimatstadt Chemnitz hinaus bekannt gewordenen Komponisten und Pädagogen gehört Werner Richter. Der 1929 hier geborene Musiker und Lehrer zählte zu den jungen Menschen, die noch vor abgeschlossener Berufsausbildung nach Ende des II. Weltkriegs enorm wichtige Aufbauarbeit leisteten. Noch ehe der Künstler 1962 sein externes Staatsexamen an der Hochschule für Musik „Carl Maria von Weber“ in Dresden abschloss und 1973 ein Ergänzungsstudium an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar beendete, hatte er mit 17 Jahren an einer Grundschule in Chemnitz und ab 1950 an der dort neu gegründeten Musikschule unterrichtet. Als Lehrbeauftragter für Akkordeon arbeitete er ab 1958 am Robert-Schumann-Konservatorium Zwickau, wo er später auch weitere Fächer belegte.
Referent Danny Leuschner, der als Pädagoge für Akkordeon am Heinrich-Schütz-Konservatorium in Dresden wirkt, gab einen Überblick über das Gesamtschaffen seines Vorbilds, legte aber den Schwerpunkt auf die vor allem im Deutschen Verlag für Musik erschienenen Kompositionen für dieses Instrument. Deutlich wurden dabei die Schwierigkeiten der Nachkriegssituation vor allem durch geringe Notenvorlagen, viel einfachere Spielmöglichkeiten der damals vorhandenen Instrumente sowie die insgesamt schwierigeren Lebensbedingungen. Statt sich hauptsächlich an Vorlagen anderer Komponisten zu orientieren oder ganz eigene Ideen einzubringen, ließ sich Werner Richter zumeist von Erfahrungen im Umgang mit seinen Schülerinnen und Schülern anregen. So entstanden speziell auf sie gerichtete neue Werke, die jedoch bis heute reizvollen Ansporn zum Üben und zum öffentlichen Vortrag bieten, beispielsweise im Rahmen des Akkordeon-Wettbewerbs, der seinen Namen trägt und jährlich in der Städtischen Musikschule Chemnitz stattfindet. Die Ausführungen rundeten sich mit drei eleganten eigenen Vorspielen von Danny Leuschner mit Werken Richters am Soloinstrument – bis zum Hinweis auf das Akkordeon als Instrument des Jahres 2026 sowie den 29. Sächsischen „Werner Richter“-Wettbewerb für Akkordeon und Bandoneon, der in diesem Jahr am 26. September stattfindet. (CS)

Danny Leuschner mit Schatzmeisterin Evelyn Kluge (Foto von Andreas Winkler)






